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Schafe helfen nicht

By Sven on 26.01.2005 - 14:44 in Alltägliches

Es war kalt damals. Herbst und so ein Wetter, wie das nur Herbste draufhaben. Baumblätter lagen ertrunken in Pfützen, und ein Nordost blies durch die kahlen Zweige. Ich stand auf der Straße und weinte. Ich sah auf das Licht, das aus der Wohnung meiner Eltern kam, ganz gelb und warm, ich wußte, daß da mein Bett stand, und ich weinte noch mehr, denn ich war sechs und mir war verdammt klar, daß ich da nicht mehr hingehörte. Ich würde alleine auf der Straße bleiben, mich mit nassem Laub decken, um am nächsten Morgen auf einem Schiff anheuern. Ich habe vergessen, warum ich von zu Hause weg wollte. Aber ich erinnere mich, daß Kinder sehr unglücklich sein können. Vielleicht unglücklicher als erwachsene Menschen, weil sie nicht wissen, was das für ein Schmerz ist, der mit der Trauer kommt, und ob der nicht vielleicht für immer bleibt.
Herbst war es, und ich ging langsam ein paar Schritte weg von dem Licht, von dem Haus, und ich machte mein Gesicht ganz fest. Und dann war da auf einmal dieses Schaf. Von Gott geschickt oder von grausamen Eltern aus dem Stall getrieben, lag es auf der Straße. Dreckig und ungeliebt. Ich hob das Tier auf und so standen wir da rum, in der Nacht. Das halbblinde Stoffschaf und ich. Viel später sind wir mit dem letzten Stolz, den wir noch hatten, in die Wohnung der feindlichen Eltern zurückgekehrt. Natürlich nur, weil das Schaf so fror. Ich denke mal, mein Leben wäre ohne das Tier in eine andere Richtung gelaufen. In den Jahren später, wollte ich immer mal wieder alles hinschmeißen. Ein neues Leben anfangen, irgendwo, wo mich keiner kennt. Ich habe es nie getan. Weil mich immer dies verfluchte Schaf warnte, und eigentlich habe ich nur wegen ihm kein mutiges, verrücktes Leben geführt. Talismänner machen so etwas. Das ist ihre Bestimmung. Sie zwingen Menschenleben in die feige Bedeutungslosigkeit, weil sie ihren Besitzer immer an Situationen erinnern, in denen sich überlegtes Handeln bewährt hat. Oder sie verführen ihren Inhaber zu einer unangemessenen Waghalsigkeit. Weil sie ihn in falschem Schutz wiegen. Egal, immer gaukeln Fetische dem Besitzer etwas vor und verleiten ihn zur Verantwortungsabgabe. Sie bringen Millionen Menschen dazu, häßliche Stofftiere, blöde Ketten und ausgetretene Stiefel von einem Ort zum anderen zu schleppen, Jungfrauen zu opfern und Kriege zu führen. Und all die Fetische lachen leise über unsere Dummheit. Guckt mal die Menschen an, kichern sie, die schleppen uns rum, umtanzen uns und verehren uns nur, um sich einzureden, daß sie nicht allein sind, auf dieser Welt, und daß sie Glück haben. Und wissen doch nicht, daß sie immer allein sind und Glück eine Illusion ist. Das Schicksal läßt sich nicht durch Schafe bestechen, das ist die Wahrheit. Aber die will keiner sehen. Wir brauchen einen kleinen, eigenen Gott. Vielleicht um uns daran festzuhalten, auf der Reise durchs Leben, die uns angst macht. Weil wir nur das Ziel kennen, und nicht den Weg. Ich weiß es nicht. Schon wieder weiß ich etwas nicht. Vielleicht werde ich nie mehr was wissen und werde aus dem Grund nie was werden. Und das nur, weil ich nicht mehr an Fetische glauben mag. Weil ich mein Schaf weggegeben habe. Da war ich gestern, auf der Station. Ich wollte, weil mir langweilig war, das Schaf waschen gehen. Und es fiel mir aus der Hand. Und fiel vor die Füße eines kleinen Kindes. Mann, war das ein häßliches Kind. Verheult war es, der Rotz lief ihm aus der Nase, und das Kind sah schmutzig aus. Ein kleines schmutziges Kind, das nach einem kleinen, schmutzigen Leben ausschaute. Und der kleine Drecksack hob mein Schaf auf. Stand da, mit meinem alten, blinden Stofftier in der Hand und sah mich an. Zuckte zusammen, beim Treffen unserer Augen, als würde es einen Schlag erwarten. Das war so ein Reflex, daß ich mir dachte, das kennt es wohl, das Kind. Geschlagen werden und Menschen, die ihm etwas wegnehmen, das ihm Freude macht. Das Kind guckte so, und seine kleine dreckige Hand hielt mein Schaf so fest, daß die Hand ganz rot wurde, vor Anstrengung. Wir standen da ewige Sekunden. Dann faßte ich nach meinem Schaf. Strich ihm noch mal über die eingedellte Schnauze und ging weg. Weil ich erwachsen bin, ging ich weg, und weil ich doch inzwischen wissen sollte, daß Traurigkeit aufhört. Und daß einem Schafe wirklich nicht helfen.

Sibylle Berg – NORA verabschiedet sich (Auszug aus dem Roman “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot”)

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Beitrag

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  1. Gerald Himmelein sagt:

    Da habe ich ganz andere Erfahrungen. Wenn man sie lässt, helfen Schafe durchaus.

  2. Bernd sagt:

    manchmal braucht man so ein Schaf, weil die Vernunft weit entfernt ist und die trübsten Gedanken Besitz von einem ergreifen.

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